STÄDTEBAULICHES QUALIFIZIERUNGSVERFAHREN

Das Areal „Molkenmarkt“ in der Berliner Mitte befindet sich aktuell in der Entwicklung – hier entsteht ein neues Stadtquartier. Grundlage dafür ist der festgesetzte Bebauungsplan 1-14, der bereits viele Rahmenbedingungen für die weitere Planung definiert. Um die noch offenen Fragen zu klären und die Entwicklung gezielt voranzutreiben, hat die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen zwischen 2020 und 2022 einen umfassenden städtebaulichen Qualifizierungsprozess durchgeführt. Dieser gliederte sich in zwei zentrale Phasen: die Sondierungsphase und die Planungsphase.

In der Sondierungsphase wurde das Büro nonconform damit beauftragt, gemeinsam mit der Senatsverwaltung und zahlreichen Akteuren – darunter Fachleute, lokale Beteiligte sowie künftige Bauherrinnen –  zentrale Themen und Herausforderungen für das Quartier herauszuarbeiten.

Ziel war es, tragfähige Grundlagen und Rahmenbedingungen zu definieren. Das Ergebnis dieser Phase sind gemeinsam entwickelte Leitlinien, die die Basis für die weitere Planungsphase bilden und in die sogenannte „Charta Molkenmarkt“ münden.

Daran schloss sich die Planungsphase, in der konkrete städtebauliche Entwürfe bearbeitet wurden. Grundlage dafür war ein Werkstattverfahren, dem ein breit angelegter Wettbewerb vorausging. Planungsteams entwickelten Konzepte, die im Dialog mit einer Jury und der Stadtgesellschaft weiterqualifiziert wurden. Ziel war es, die Voraussetzungen für die bauliche Umsetzung am Molkenmarkt zu schaffen und zentrale Kriterien für die nachfolgenden hochbaulichen Realisierungswettbewerbe zu definieren.

ZEITSTRAHL

Juni 2020
Juli 2020
22. August 2020
September 2020
Oktober 2020
November 2020
Dezember 2020 - Mai 2021
17. Februar 2021
März 2021
April 2021
Mai 2021
18. August 2021
Oktober 2021
November 2021
24. November 2021
29. - 30. November 2021
Januar 2022
März 2022
April 2022
Mai 2022
Juni 2022
September 2022
Konzepterarbeitung Sondierungsphase
Erarbeitung Themenpapiere
Bauzaungespräche Info am Molkenmarkt
Sondierungsgespräche
Fachlabore 01-04
Entwicklung und Einigung über Leitlinien
Formulierung der Leitlinien
Fachlabor 05
Bauzaungespräche Info am Molkenmarkt
Erstellung der Auslobung
Veröffentlichung der Leitlinien
Bürger:innen-Information Veröffentlichung der Auslobung
Abgabe der Arbeiten
Vorprüfung
Digitale Vorschau der Entwürfe
Preisgericht
Auftaktkolloquium
Werkstatt 1
Abgabe 1
Zwischenkolloquium Werkstatt 2
Abgabe 2
Vorprüfung Öffentlichkeitsveranstaltung
Abschlusskolloquium Ausstellung

SONDIERUNGSPHASE

In der Sondierungsphase (Mitte 2020 bis Anfang 2021) wurden gemeinsam mit der Stadtgesellschaft qualitative und quantitative Anforderungen für die Quartiersentwicklung erarbeitet und in acht Leitlinien festgeschrieben. Diese bilden die Grundlage für den offenen städtebaulich-freiraumplanerischen Wettbewerb (2021).

Zwei prämierte Entwürfe wurden im anschließenden Werkstattverfahren (2022) vertieft und unter Berücksichtigung der Anmerkungen des Preisgerichts sowie der Stadtgesellschaft weiterentwickelt.

Begleitend fanden intensive Workshops, Fachlabore und Dialogformate zu zentralen Themen statt. Den Abschluss des Werkstattverfahrens im Herbst 2022 bildete die verschriftlichten Empfehlungen der Jury, welche die Ergebnisse der Qualifizierungsphase zusammenfasst und die Grundlage für die Charta Molkenmarkt bildet.

Im Laufe der Sondierungsphase wurde das bereits gesammelte Wissen und die Anregungen der Berliner weiterentwickelt und vertieft. Anschließend wurde dieser Wissenspool vier zentralen Themenfeldern zugeordnet: #1 Atmosphärisches Quartier, #2 Vielfältiges Quartier, #3 Öffentliches Quartier und #4 Zukunftsfähiges Quartier.

Auf dieser Basis wurden im Rahmen von Fachlaboren gemeinsam mit Fachexpertinnen und Fachexperten Anforderungen, Bedarfe und Fragen diskutiert und gezielt weiterentwickelt. Die Essenz dieses Austauschs mündete in acht Leitlinien, die als Grundlage für die nächste Planungsphase dienten. Diese wurden schließlich in einer Broschüre dokumentiert und bilden das Fundament für die künftige Quartiersentwicklung am Molkenmarkt.

OFFENER STÄDTEBAULICHER WETTBEWERB

Der offene städtebauliche Wettbewerb hatte das Ziel, eine gemeinsame Vision für die Wiederbelebung der historischen Mitte Berlins und die Entwicklung des Molkenmarkts zu einem vielfältigen und zukunftsfähigen Stadtquartier zu schaffen. Im Fokus standen die städtebauliche Gestaltung sowie die Planung der Freiräume – basierend auf dem bestehenden Bebauungsplan sowie der Leitlinien aus der vorherigen Sondierungsphase. Dabei entstanden tragfähige Gesamtkonzepte, die im anschließenden Werkstattverfahren gemeinsam mit der Stadtgesellschaft weiter ausgearbeitet wurden. Insgesamt entstanden neun Entwürfe, von denen zwei Konzepte ausgewählt und im Werkstattverfahren – vertieft wurden.

Modellfoto des Entwurfs von OS arkitekter mit cka czyborra klingbeil architekturwerkstatt mbB
Modellfoto des Entwurfs von Bernd Albers Gesellschaft von Architekten mbH mit Prof. Dr. Silvia Malcovati und Vogt Landschaftsarchitekten AG

ALLE ENTWÜRFE
DES WETTBEWERBS

Modellfotos: Hans-Joachim Wuthenow

Entwurf 1021

Jordi Keller Pellnitz Architekten GbR mit Christina Kautz Landschafts-architektur

Anerkennung

Der Beitrag 1021 bezieht sich stark auf die kleinteilige historische Parzellenstruktur der Berliner Altstadt und versucht, diese für das Quartier am Molkenmarkt wiedererstehen zu lassen. Die Parzellen sollen – standortabhängig – sowohl städtische Reihenhäuser mit einer Breite von 6 Metern (in der Parochialgasse) als auch größere Gebäude mit Breiten bis zu 36 Metern ermöglichen (an der Grunerstraße).

Die Baustruktur entspricht weitgehend den Rahmensetzungen des Bebauungsplans.

Zu den Straßen hin soll die Architektur nach Angaben der Verfasser:innen städtisch und „fest“ erscheinen. Dies betrifft auch den Platz vor dem Stadthaus im Inneren des Baublocks. Zu den Blockinnenbereichen sollen die Remisen und Hinterhäuser in Holz ausgeführt werden. Auf diese Weise sollen „qualitätvolle, begrünte Hofräume“ entstehen, die von einer „feinen weichen Architektur“ gerahmt werden.

Die Verfasser:innen empfehlen zudem, ein Leitbautenkonzept zur Rekonstruktion von Gebäuden von besonderem historischen Interesse erarbeiten zu lassen.

Auch das Wegesystem folgt im Wesentlichen den Festsetzungen des Bebauungsplans, ergänzt diese jedoch durch eine Durchwegung auch des dem Roten Rathaus gegenüberliegenden Blocks.

Entwurf 1022

Eckert Negwer Suselbeek Architekten BDA

Zweiter Rundgang

Die Arbeit mit der Nummer 1022 ist überschrieben mit dem Leitthema „vier Stadthöfe“. Sie folgt eng den Rahmensetzungen des Bebauungsplans für den Molkenmarkt.

So entstehen sowohl für den Block vor dem Alten Stadthaus als auch für den Block am Neuen Stadthaus sowie die Umgebung der Franziskaner Klosterkirche die vorgegebenen öffentlichen Plätze und Durchwegungen. Zusätzlich zu diesen, „Molkenmarktplatz“, „Jüdenhofgärten“ und „Kulturpark Klosterkirche“ genannten Freiräume wird für den dem Roten Rathaus gegenüber liegenden Block wird eine Galleria-artige „Passage der Elektrizitätswerke“ mit Durchgangsmöglichkeiten in alle Richtungen vorgeschlagen.

Für jeden Block wird eine spezifische Ankernutzung vorgeschlagen, die den Charakter des Blocks prägen und durch weitere Nutzungen, vor allem Wohnen und gewerbliche Nutzungen ergänzt werden soll.

Die Dachflächen sollen – abhängig von ihrer Lage und der vorgesehenen Dachneigung – für Photovoltaikanlagen, Dachbegrünungen und begehbare Gemeinschaftsflächen genutzt werden.

Entwurf 1023

Klaus Theo Brenner - Stadtarchitektur mit Coqui Malachowska Coqui Städtebau Landschaftsarchitektur

Zweiter Rundgang

Der Beitrag mit der Nummer 1023 ordnet das Plangebiet unter dem Motto „Stadtpanorama Molkenmarkt“ in den Kontext der historischen Innenstadt ein. Er teilt die Baublöcke in kleinere, „Block im Block“ genannte Einheiten auf und ordnet das Quartier mit einem Freiraumsystem aus Höfen und „Piazette“ genannten Plätzen im Blockinneren. Verbunden werden die Blöcke untereinander und mit der Umgebung durch ein Netz von Wegen und Quartiersstraßen. Es entsteht so eine sich über alle Baublöcke ersteckende, einheitliche Gestaltung.

Lediglich der wieder entstehende Jüdenhof und der Platz am Standort der ehemaligen französischen Kirche weichen von dieser Struktur ab und bilden auf diese Weise eine markante Wegeführung durch den Block am Neuen Stadthaus.

Die „einzelnen Baumsetzungen“ im als „Stadtgassen“ bezeichneten Straßenraum wird mit dem Bezug auf die mittelalterliche steinerne Stadt begründet. Im Gegensatz dazu sollen die Dachflächen weitgehend begrünt werden und so der Speicherung von Regenwasser sowie der „kulturellen und freizeitlichen Gartennutzung“ dienen.

Entwurf 1024

Bernd Albers Gesellschaft von Architekten mbH mit Prof. Dr. Silvia Malcovati und Vogt Landschaftsarchitekten AG

Ein Erster Preis

Die Verfasser:innen nennen als Grundgedanken der Arbeit 1024 die „Neuinterpretation des historischen Stadtgrundrisses und seiner verschiedenen stadtplanerischen Wandlungsprozesse“. Den Blockgrenzen des Bebauungsplans folgend wird eine kleinteilige, eng an die historische Situation vor dem Abriss bzw. den Kriegszerstörungen angelehnte Parzellierung der Blöcke vorgeschlagen. Die Bebauung der Blöcke soll weitgehend als moderne Interpretation klassischer Berliner Typologien umgesetzt werden. Die an den Jüdenhof angrenzenden Bauten sollen dagegen in einem „Spektrum von Neuinterpretation bis Fassadenrekonstruktion der historischen Vorgängerbauten“ neu entstehen.

Die ehemalige Französische Kirche wird als Bodendenkmal sowie als Innenhof in den Abmessungen des Kirchenschiffs erlebbar. Entsprechend dem Bebauungsplan ist dieser grüne Innenhof ein Teil der Blockdurchwegung, die auch den Jüdenhof anbindet.

Anders als die kleinteilige Bebauung sollen die Hofflächen teils gemeinschaftlich durch die Anwohner:innen genutzt und teils im Rahmen der Blockdurchgänge der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Die Nutzung entspricht weitgehend den Vorgaben des Bebauungsplans mit öffentlich wirksamen Nutzungen im Erdgeschoss und Wohn- und Gewerbeflächen in den Obergeschossen. An den privaten Wohnhöfen werden zudem einzelne Wohnungen auch im Erdgeschoss vorgeschlagen.

Die Dachflächen der Gebäude werden extensiv begrünt und können zur Speicherung von Regenwasser genutzt werden.

Entwurf 1025

Tafkaoo architects GmbH mit YEWO Landscapes GmbH

Zweiter Rundgang

Die Verfasser:innen der Arbeit 1025 verfolgen das Ziel, ein „zusammenhängendes, integratives und kommunizierendes sowie für viele Nutzerschichten gleichermaßen erleb- und erfahrbares, offenes Quartier“ zu schaffen.

Die Ränder des Quartiers werden hierzu durch Gebäuderiegel gefasst und formen hierdurch „einen Rahmen um das künftige Viertel“. „Zur Stärkung des Zugehörigkeitsgefühls, der Identitätsbildung sowie der Entwicklung des Quartierscharakters wird die im Bebauungsplan vorgeschlagene Blockrandstruktur durch eine im Inneren des Viertels offene, kommunikative Punkthausbebauung ersetzt“. Bei der Positionierung dieser Bauten wird den Blickbeziehungen über Begegnungszonen oder niedrigere Gebäude hinweg eine besondere Bedeutung zugewiesen. Zur Grunerstraße dient ein als “Grünes Stadtregal” benanntes Gerüst vor den Gebäuden als Rahmen für die Installation von Balkonen, Lärmschutzmaßnahmen oder Pflanzmöglichkeiten.

Die Erdgeschosszone wird durch gewerbliche Nutzungen, ergänzt durch Kultur und soziale Infrastruktur, besetzt. Archäologische Funde sollen so erreichbar und erhalten werden.

Der sich durch das gesamte Quartier ersteckende Freiraum ist gegliedert durch seine Höhenentwicklung. Während die Flächen am Boden öffentlich vorgesehen sind, soll das Dach eines großflächigen Sockelgeschosses im Westen eher einen privaten Charakter erhalten. So sollen unter anderem die Freiräume der Wohngebäude und der Kita hier untergebracht werden. Auch die sonstigen Dachflächen sind in dieses Freiraumkonzept eingebunden.

Entwurf 1026

Octagon Architekturkollektiv mit coopdisco und Gruppe F I Freiraum für alle GmbH

Anerkennung

Als Grundgerüst des Entwurfs 1026 dienen zum einen die dem Bebauungsplan entlehnten Baufelder, zum anderen ein „Freiraumband“, das die wichtigsten Kulturstandorte und Denkmale im Quartier miteinander vernetzt und als Teil einer übergeordneten Verbindung auch Standorte außerhalb des Quartiers anbindet.

Den Auftakt dieses Bandes bildet ein neu interpetierter „Molkenmarkt“, der sich sowohl als Stadtplatz an der Einmündung der Stralauer Straße als auch als Hof- und Erdgeschossnutzung im angrenzenden Baublock zeigt. Es wird fortgesetzt durch eine differenzierte Abfolge öffentlicher Räume, die unter anderem auch den Jüdenhof und den ehemaligen Standort der Französischen Kirche integriert. Ein Ende findet das Freiraumband am Freiraum der Ruine der Franziskaner Klosterkirche.

Die Bebauung ist geprägt durch eine weitgehend geschlossene Gebäudereihe entlang der Grunerstraße, dem Mühlendamm und der Stralauer Straße sowie eine aufgelockerte Bebauung entlang des Freiraumbandes im Quartiersinneren. Verbunden sind beide Elemente mittels durchgehender Sockelbauten, die einen Großteil der öffentlich zugänglichen Nutzungen aufnehmen.

Die Freiraumstruktur nutzt das Dach der Sockelbauten zur Trennung der öffentlichen Flächen auf der Erdgeschossebene von den eher privaten Freiräumen auf den Dachflächen. Die Dachflächen sollen begrünt und neben der Nutzung durch die Anwohner:innen auch der Speicherung von Regenwasser und der Unterbringung von Solaranlagen dienen.

Entwurf 1028

Superwien Urbanism ZT GmbH mit Raum + Strategie

Dritter Preis

Als „innovatives Quartier“ bezeichnen die Verfasser:innen ihren Beitrag mit der Nummer 1028.

Die Blockformen des Bebauungsplans übernehmend, schlagen sie eine in der Höhe differenzierte Bebauung vor, die im Blockinneren eine Vielzahl unterschiedlicher Freiraumnutzungen und –gestaltungen ermöglicht. Die Dachlandschaft ist vielfältig gestaltet und übernimmt unterschiedliche Freiraumfunktionen wie zum Beispiel Freizeit- und Erholungsflächen, Regenwasserspeicherung, Lebensmittelanbau oder Energieerzeugung durch Solar- und Windenergieanlagen.

In den Erdgeschossen sind ausschließlich öffentlich zugängliche Nutzungen wie Handel, Gastronomie oder Kultureinrichtungen vorgesehen. Darüber folgen Büros und ähnliche Nutzungen, darüber wiederum Wohnungen.

Das gesamte Quartier ist autofrei geplant, nur Rettungsfahrzeuge und Lieferverkehr sollen zugelassen werden. Neben den Straßen dient ein Weg durch den Block am Neuen Stadthaus der Anbindung des Jüdenhofs und der Grünfläche am ehemaligen Standort der Französischen Kirche sowie der Durchwegung des Quartiers.

Besonderen Wert legen die Verfasser:innen auf die Empfehlung, die Vermietung vor allem der Erdgeschosse gemeinsam zu organisieren, um eine vielfältige Nutzungsmischung zu gewährleisten.

Entwurf 1029

Mäckler Architekten GmbH mit USUS Landschaftsarchitektur AG

Zweiter Preis

Der Entwurf 1029 orientiert sich stark an Bezügen zur historischen Gestaltung sowohl der Bebauung als auch der Freiräume.

Die kleinteilige Bebauung folgt weitgehend den Vorgaben aus dem Bebauungsplan. Es entsteht so eine klassische Berliner Blockstruktur mit klaren Kanten zur Straße und einer dichten Folge von Hinterhäusern und Höfen. An der Parochialgasse wird in Anlehnung an die mittelalterliche Bebauung die Errichtung von giebelständigen kleinteiligen Stadthäusern vorgeschlagen.

Vor dem Alten Stadthaus entsteht ein „steinerner Stadtplatz“, auf eine Durchwegung und eine öffentliche Hofgestaltung der Baublöcke westlich der Jüdenstraße wird verzichtet. Am Standort der ehemaligen französischen Kirche entsteht ein begrünter Wohn- und Quartiersplatz, dessen Fassaden das Volumen der Kirche – sozusagen als Negativform – aufnimmt. Durch einen Fußweg zwischen Kloster- und Jüdenstraße wird dieser Hof mit dem Jüdenhof verbunden.

Für den Straßenzug Mühlendamm/Spandauer Straße wird eine langfristige Umgestaltung mit einer breiten begrünten Boulevardzone vorgeschlagen, die sowohl der Aufenthaltsqualität als auch ökologischen Funktionen dienen soll.

Entwurf 1030

OS arkitekter mit cka czyborra klingbeil architekturwerkstatt mbB

Ein Erster Preis

Der Beitrag 1030 steht unter dem Motto „Molkenmarkt im Wandel“. Während er nach außen die geschlossenen Blöcke des Bebauungsplans für den Molkenmarkt übernimmt, zeigt das Innere der Blöcke eine vielfältige und differenzierte Bebauung, die nach den Vorstellungen der Verfasser:innen als einfache Skelettstruktur in Holzbauweise errichtet werden soll. Innerhalb dieser Grundstruktur sollen die Grundrisse weitgehend frei gestaltbar sein und so auch langfristig sich ändernden Anforderungen gerecht werden können.

Die Höfe zweier Blöcke sollen durch einen „Kulturpfad“ genannten Fußweg durchquert werden, der die Ruine der Franziskaner Klosterkirche mit dem Kulturstandort an der Alten Münze verbindet. An diesem Pfad sollen die archäologischen Funde der Französischen Kirche und des Jüdenhofs erfahrbar werden und mit den Angeboten eines neu geschaffenen „Kulturhofs“ in dem Baublock vor dem Alten Stadthaus verbunden werden.

Die Gestaltung der öffentlichen Straßen und Plätze soll ausdrücklich den Vorrang für zu Fuß Gehende und Radfahrende berücksichtigen und enthält neben Baumpflanzungen und weiteren Grünflächen, etwa zur Versickerung von Regenwasser, auch Aufenthaltsflächen und Sitzgelegenheiten.

WERKSTATTVERFAHREN

Foto des Wettbewerbsmodells von AMVT
Modellfoto des Entwurfs von Bernd Albers Gesellschaft von Architekten mbH mit Prof. Dr. Silvia Malcovati und Vogt Landschaftsarchitekten AG,
Foto: Hans-Joachim Wuthenow
Modellfoto OSCKA
Modellfoto des Entwurfs von OS arkitekter mit cka czyborra klingbeil architekturwerkstatt mbB
Foto: Hans-Joachim Wuthenow

Aus dem offenen städtebaulichen Wettbewerb gingen zwei Planungsteams hervor, die ihre Entwürfe im Werkstattverfahren weiter vertiefen konnten. Beide Teams wurden mit dem ersten Platz ausgezeichnet, da sie unterschiedliche Qualitäten und Herangehensweisen vereinen.

Der Entwurf des Architekturbüros OS Arkitekter / czyborra klingbeil zeichnet sich durch eine sehr zukunftsorientierte, anpassungsfähige, robuste Grundhaltung mit großzügigen, klimafreundlichen Höfen und einer Betonung kultureller Räume aus.

Der Entwurf des Architekturbüros Albers / Malcovati / Vogt / Terfort ist sehr inspiriert vom historischen Bezug des Ortes mit einer städtebaulichen, geordneten Grundstruktur und orientiert sich am Straubeplan. Zugunsten wirtschaftlicherer Gebäudegrößen wird die im Straubeplan gewünscht Kleinteiligkeit nun über die Fassadengestaltung vermittelt.

Top

#1.1
Ein Ort der lebendigen Geschichte

Am Molkenmarkt entstehen aus der Historie neue Geschichten, die das Alte für das Neue aufgreifen und transformieren.

Der Molkenmarkt ist ein Ort des offenen Erlebens und Diskutierens über das umfangreiche Erbe der über 800-jährigen Stadt. Kunst und Kultur können am Molkenmarkt Träger für einen zeitgenössischen Umgang mit der Geschichte werden und gemeinsam mit dem Denkmalschutz die Stadtgeschichte als belebte und lebendige Praxis ausbauen und fördern. Der Molkenmarkt wird zu einem Markt, an dem ein lebendiger Austausch – auch ohne Konsum – stattfindet.

Die Identität des Molkenmarkts entsteht aus der Kontinuität der Brüche, die der Ort immer wieder erfahren hat. Dafür werden möglichst viele vorhandene Gebäude, Fragmente und Spuren der verschiedenen Epochen wertgeschätzt und nachvollziehbar nebeneinander belassen. Durch die neue Bebauung werden Blickbeziehungen und Sichtachsen inszeniert, um die Verbindung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erfahrbar zu machen. Durch die Unterschiedlichkeit der umgebenden Bebauung und der erhaltenen historischen Spuren entstehen so eigenständige städtische Räume mit ausdifferenziertem Charakter.

#1.2
Ein Quartier mit hoher Raumqualität

Am Molkenmarkt wächst die Stadt, aus den Impulsen der Umgebung und den Qualitätsansprüchen der Akteur*innen in einem lebendigen Prozess, wieder zusammen.

Mit dem Molkenmarkt entsteht ein neues Stück Innenstadt für Berlin, das mit hohem  städtebaulichem, architektonischem und prozessorientiertem Anspruch an die Baukultur gestaltet wird. Die vielfältigen Aufenthalts- und Gestaltungsqualitäten heben den jeweiligen Charakter der historischen städtebaulichen Situationen hervor. Die Gebäude sind dafür lediglich der erste Schritt.

Ein neues Stück Stadt braucht Zeit zum Wachsen. Das muss in einem kommunikativen Prozess geschehen, der Widersprüchlichkeit und Heterogenität abbilden und zulassen kann.

Es gilt die Prämisse, dass innerhalb des Quartiers, das bezieht sich auch auf die Quartiersstraßen, geschützte Räume des Aufenthalts entstehen, während die umliegenden Straßen als Transiträume dienen. Die historische Stadtstruktur mit kleinteiliger Parzellierung, die sich nicht nur in den Fassaden, sondern auch in einer angemessen kleingliedrigen Struktur der Raumangebote widerspiegelt, ist unter anderem Ausgangspunkt für Gestaltungsqualitäten.

Das Quartier positioniert sich zu den Baudenkmälern der Umgebung, spiegelt deren Heterogenität wider, macht die Widersprüchlichkeiten von Geschichte ablesbar und wagt Kontraste. So entwickelt der Molkenmarkt eine eigenständige Baukultur in einem starken Umfeld von Identifikationsbauten. Als neues Stadtquartier zwischen Stadtbahn, Spree und Grunerstraße wächst mit dem Molkenmarkt ein Teil der Berliner Mitte wieder zusammen.

 

#2.1
Die neue Berliner Mischung

Am Molkenmarkt entsteht eine zukunftsweisende innenstadttypische Nutzungsmischung in einer resilienten nutzungsoffenen Architektur.

Die Berliner Mischung des 21. Jahrhunderts ist bunt. Sie besteht aus Wohnen, Arbeiten sowie gastronomischen, touristischen und kulturellen Einrichtungen inklusive Einzelhandel und Angebot des Dienstleistungssektors. Eine gutes Management bildet hier die Grundlage. Das richtige Mischungsverhältnis muss gefördert und fortlaufend begleitet werden, damit gute Nachbarschaften entstehen können.

Eine zentrale Resilienzstrategie ist die Ausrichtung auf kleinteilige und diverse Bedarfe, ohne dabei zentrale Ankernutzungen auszuschließen. Bereits im städtebaulichen Wettbewerb werden die Voraussetzungen geschaffen, die Erdgeschosszone nutzungsoffen und den öffentlichen Raum robust zu gestalten. Dafür müssen nicht Funktionen, sondern Raumangebote geplant werden. Robustheit bedeutet dabei sowohl für die Errichtung als auch für die Instandhaltung eine Kostenreduktion durch Standardisierung und Ausstattungskataloge anzustreben.

Am Molkenmarkt wird auch vertikal gedacht, um Qualitäten verschiedener Ebenen bewusst zu nutzen. Der Nachteil, dass die Schwelle der Erreichbarkeit zu Räumlichkeiten über dem Erdgeschoß größer ist, wird zum Vorteil, wenn hier bewusst halb-öffentliche Nutzungen angedacht werden. So könnten beispielweise Dachflächen auch für die Gemeinschaft oder quartiersinterne Nutzungen geöffnet und Flächen zur Förderung der Biodiversität bereitgestellt werden.

#2.2
Vielfältig und bezahlbar Wohnen

Am Molkenmarkt entstehen innovative Wohntypologien im bezahlbaren Wohnsegment die eine soziale Durchmischung fördern.

Vielfältige Lebensstile und Lebenslagen erfordern eine Vielfalt an Wohnformen. Gerade in der Berliner Mitte braucht es neue Formen innerstädtischen Wohnens. Die klassische Kernfamilie als Orientierung für heutige Wohntypologien im geförderten Wohnungsbau muss hinterfragt werden. In unserer diversen Stadtgesellschaft wächst die Zahl der Lebensmodelle ebenso wie die der Beziehungs- und Familienformen, weswegen die Raumstrukturen so flexibel sein müssen, dass sie auf die Bedürfnisse der zunehmend diversen Nachfrage einge- hen können.

Am Molkenmarkt entsteht kein Quartier der Standards, sondern des innovativen, bezahlbaren Wohnungsbaus. Das Vorgehen ist dabei prototypisch angelegt, sodass ein breites Angebot von Wohnungstypologien entstehen kann. Die soziale Durchmischung wird durch die Vielfalt der Lebensstile garantiert. Die Entwicklung von Typologien erfordert interdisziplinärere Entwurfspraktiken, die gezielt durch die Finanzierung des Mehraufwands gefördert werden können.

#3.1
Die Stadt auf Augenhöhe

Die Erdgeschosszone und der Freiraum sind die Bereiche, in denen sich Innen und Außen verbinden und der Kontakt zur gesamten Stadt entsteht.

Die Erdgeschosszone, die Flächen vor den Gebäuden und der Freiraum sind Räume des niederschwelligen Austauschs. Hier müssen die meisten Interaktionsflächen angelegt werden, da diese Qualitäten nicht in anderen Stockwerken angeboten werden können. Die Räume sind für die Fußgänger*innen ausgelegt.

Die Erdgeschosszone ist innen wie außen ein vielseitiger, öffentlicher Raum, der Gewerbe-, Kultur- und Aufenthaltsangebote für Anwohner*innen, Berliner*innen und Besucher*innen bietet. Hierfür sind besonders Anknüpfungspunkte an die umliegenden Quartiere und Nutzungen anzustreben. Gute Wegebeziehungen und die Einbeziehung bestehender Bedarfe fördern eine schnelle Frequentierung durch Passant*innen. Prägend dabei sollen maßstäblich und funktional differenzierte Gewerbe- und Kulturangebote sein.

Flächenkonkurrenzen zwischen Aufenthalts- und Nutzflächen werden aufgezeigt, um möglichst flexible Raumpotenziale zu schaffen, die auch Kultur, Kunst und soziale Arbeit einbeziehen. Es gilt Dichte und Kleinteiligkeit zu wagen und nicht-kommerzielle Angebote für die Anwohnenden zu ermöglichen. Genossenschaftliche Modelle können für kleinteilige Gewerbe- und Kulturmieter*innen als Organisationsstruktur geeignet sein, um eine breite Diversifizierung der Pächter*innen zu erreichen und Möglichkeitsräumen für Aneignung, aus dem Quartier heraus und in das Quartier hinein, zu schaffen. Dafür benötigt es auch eine gute Freiraumgestaltung, die das Quartier und seine Ränder zusammenführt und mit der umliegenden Nachbarschaft durch Wegebeziehungen zum Spreeufer, zum Roten Rathaus und zum Nikolaiviertel vernetzt. Maßnahmen aus dem Bereich der Klimaanpassungen müssen berücksichtigt, Lärmemission reduziert, Luftqualitäten gesteigert und Naturschutz integriert werden, um sensible Nutzungen im Quartiersinneren zu schützen. Ziel sind differenzierte und konsumfreie sowie inklusive Aufenthaltsflächen mit Aneignungspotenzial, die auch wenig berücksichtigte Gruppen, wie beispielsweise die Jugend, mit einbeziehen.

#3.2
Das Kulturquartier

Sowohl in der Entwicklungsphase als auch im zukünftigen Quartier sind vielfältige Kulturnutzungen ein Identitätsträger des Molkenmarktes.

Der Molkenmarkt ist ein Ort der Kultur und der Kreativität. Hier finden Kulturschaffende und die Öffentlichkeit zusammen. Kultur ist einer der identitätsstiftenden Anker des Quartiers, das so seine eigene Geschichte schreibt. In der Berliner Mitte kann auf diese Weise im Kontext zwischen Humboldtforum, Alte Münze, Märkischem Museum, Ephraim Palais, Nikolaikirche und Haus der Statistik eine starke Verbindung zwischen musealen und aktivistischen Kulturakteur*innen etabliert werden – ein Kulturband durch Mitte entsteht, dessen Zentrum der Molkenmarkt bildet.

Gemeinsam mit den bereits vor Ort sowie stadtweit agierenden Akteur*innen wird eine Strategie für den Ort entwickelt, die auf einem breiten Kulturverständnis basiert. Der Molkenmarkt ist dabei nicht nur Schnittstelle zu den Kulturkonsument*innen, sondern auch Ort der Produktion und Vermittlung von Kultur. Dafür entstehen neben Ausstellungs- und Veranstaltungsräumen auch Atelier- und Arbeitsräume. Einer Verdrängung der bestehenden Institutionen und kulturellen Freiräume wird entgegengewirkt und zusätzlich werden neue Möglichkeiten geschaffen. Sozialarbeit, Archäologie, Kunst, Stadtplanung, eine partizipative Baukultur sowie bestehende Nutzungen und Kulturbauten (Klosterruine, Altes Stadthaus, etc.) vor Ort werden miteinbezogen. Kultur wird zum zentralen „Quartiersöffner“, um ein lebendiges neues Stadtquartier mit hoher Aufenthaltsqualität und einem eigenständigen Profil entstehen zu lassen.

#4.1
Das grüne Innenstadtviertel

Am Molkenmarkt kommen Klimaanpassungsmaßnahmen im Großen und im Kleinen zum Einsatz, um im Zentrum der Stadt Biodiversität zu fördern sowie ökologisch und sozial nachhaltig zu bauen und zu wirtschaften.

Am Molkenmarkt werden Klimaanpassungsmaßnahmen entsprechend dem aktuellen Stand der Technik und im Rahmen der Dichte und Urbanität umgesetzt, um ein ökologisch wirksames Innenstadtquartier zu errichten. Dabei geht es nicht um Experimente, sondern um eine angemessene Implementierung von bewährten Maßnahmen.

Ziel ist, über den sinnvollen Einsatz von versickerungsfähigen Materialien und Begrünung einen Beitrag zu einem besseren Stadtklima zu leisten. Es sind hier insbesondere die einfachen und praktikablen Lösungen im Bestand gefragt. Ein Grundprinzip stellen multifunktionale klimagerechte Infrastrukturen dar, dazu werden ökologisch wirksame Maßnahmen bestmöglich mit Nutzungen verbunden. Zum Beispiel könnten dies versickerungsfähige Spielplätze, größere Baumscheiben mit Nebengewächsen oder Dachflächen für Stadtimker*innen sein.

Dabei ist man einer ganzheitlichen Herangehensweise verpflichtet – Grüne und blaue Kühlungen haben Vorrang vor technischen Lösungen. Nachhaltige Baumaterialien sind auch während der Bauzeit emissionsärmer. Kreislaufwirtschaft bezieht sich sowohl auf ein quartiersübergreifendes Versorgungskonzept als auch auf die Förderung von Zero Waste, Re-Use, Reparatur- oder Sharingangeboten. Gesamtenergiebedarfe müssen dazu bilanziert und Wissenstransfer als zentrale Säule für nachhaltige Planung implementiert werden.

#4.2
Vorrang für eine vielfältige Mobilität

Im Molkenmarktquartier dominieren Räume für Fußgänger*innen und gute Infrastrukturen für Radfahrer*innen bei stark reduziertem MIV.

Am Molkenmarkt werden für die zukunftsweisende Mobilität klare Prioritäten gesetzt und mithilfe des Gendermainstreamings explizit Perspektiven von Frauen, Alten und Kindern sowie in ihrer Mobilität eingeschränkten Personen einbezogen. Attraktive Wegebeziehungen für Fußgänger*innen werden ausgestaltet, Radfahrer*innen sinnvoll gelenkt und der motorisierte Individualverkehr, kurz MIV, nur geringstmöglich ins Quartier geholt. Die Quartiersstraßen sind auf die schwächsten Verkehrsteilnehmer*innen ausgelegt, sodass sich alle auf Augenhöhe begegnen können und eine hohe Aufenthaltsqualität im Straßenraum erzielt wird. Verschiedene Nutzergruppen sollen die Freiflächen gemeinsam nutzen.

Dafür müssen der nicht motorisierte Verkehr gestärkt, fußläufige Anbindungen zum ÖPNV priorisiert und Gefahrenstellen minimiert werden. Der Weg zum privaten Auto muss länger sein als der Weg zum öffentlichen Nahverkehr oder zum sichereren Fahrradabstellplatz. Des Weiteren müssen die Anforderungen des Wirtschaftsverkehrs berücksichtig und die Anlieferungssituationen geklärt werden, ohne dass daraus Nachteile für die Lebendigkeit des Quartiers erwachsen. Aus der Perspektive einer gelingenden Umsetzung ergibt sich für die Mobilität, aber auch für die Ent- und Versorgung ein klarer Prüfauftrag, in den auch Expertisen aus anderen (Berliner) Projekten mit einfließen sollen.

Die Durchwegung der Blockinnenbereiche für Fuß- gänger*innen sowie Stadtmobiliar mit ästhetischem Anspruch, bei hoher Nutzungsrobustheit und angemessenem Pflegeaufwand, sorgen für attraktive Mehrwerte. Dabei gilt die Prämisse, dass gute Gestaltung weniger Regulation für das alltägliche Miteinander benötigt.